The Blueprint

Von Thorsten Schulte / Quelle: Focus Online

Über Nacht hat der indische Premierminister große Geldscheine für ungültig erklärt. Das war aber nur eine Maßnahme. Tatsächlich arbeitet Indien schon seit längerem auf den gläsernen Bürger in der bargeldlosen Gesellschaft hin.

Indien vollendet gerade die völlige Transparenz seiner Bürger. Die vom indischen Premierminister Modi in der Nacht der US-Präsidentschaftswahl am 8. November verkündete Wertlosigkeit aller Geldscheineüber 1,40 Euro Gegenwert ist dabei die vorläufig letzte Maßnahme, aber nur die Spitze des Eisbergs. Modi sagte laut Reuters vergangenen Sonntag, dass sich das Land allmählich von einer weniger auf Bargeld basierenden Gesellschaft zu einer „cashless society“, also einer bargeldlosen Gesellschaft bewegen könne. Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit greift jetzt die totale Überwachung der Inder. Kommt die Modi-Regierung mit den Maßnahmen durch, droht Indien zur Blaupause für den Rest der Welt zu werden.

Dass der indische Premierminister den Zwangsumtausch alter Geldscheine in neue Banknoten ausgerechnet in der Nacht anordnete und verkündete, in der sich alle Welt auf das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl konzentrierte, mag purer Zufall sein. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die indische Regierung die Vernichtung nahezu aller indischer Banknoten mit wenig globaler Aufmerksamkeit durchdrücken wollte.

Über den Experten

Thorsten Schulte ist Kapitalmarkt- und Konjunkturexperte. Er ist Herausgeber des Edelmetallnewsletters „Silberjunge“, des Konjunktur- und Kapitalmarktinformationsdienstes „Unternehmerbriefing„, Buchautor und Vortragsredner. Schulte arbeitete unter anderem bei der Deutschen Bank als Investmentbanker. Er wirbt für antizyklisches Investieren.

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Die Wertloserklärung der Geldscheine verbunden mit einem Zwangsumtausch ist dabei nur die vorläufig letzte Maßnahme. Es geht um Bargeld, Goldund totale Überwachung.

1.  Aadhaar und die totale Überwachung

2009 begann Indien mit seinem Programm namens Aadhaar, bei dem allen Bürgern eine eindeutige Identifikationsnummer zugeordnet wird. Neben Namen, Geburtsdatum und Geburtsort werden dabei biometrische Merkmale gespeichert. Alle zehn Fingerabdrücke gehören dazu wie der Scan der Iris beider Augen. Für Hochtechnologieunternehmen wird Indien zu einer Spielwiese. Samsung hat mit dem Galaxy Tab Iris bereits ein Tablet entwickelt, welches mit einer biometrischen Iris-Erkennung ausgestattet den Zugriff auf die Bank-, Gesundheits- und Steuer-Dienstleistungen erleichtern soll. Dabei ist auch ein Zugriff auf die Datenbank Aadhar möglich. Geschäftsabschlüsse per Iris-Scan oder per Fingerabdruck werden dank Aadhaar erst umfassend möglich.

Alles sollte zunächst freiwillig erfolgen. Die „Times of India“ berichtete im September 2016 darüber, dass inzwischen 98 Prozent aller Erwachsenen in Indienvon Aadhaar erfasst seien. Im Frühjahr 2016 wurde dann ein Gesetz ohne Beteiligung an der ersten Parlamentskammer vorbeigeschleust, in der die Opposition die Mehrheit hat. Dieses Gesetz sorgt dafür, dass die Inder einen Aadhaar-Account besitzen müssen, wenn sie auf staatliche Transferzahlungen oder Dienstleistungen angewiesen sind.

2. Auch Goldkäufer werden gläsern

Mitte August 2016 führte die Regierung dann mit einem Paukenschlag die Pflicht ein, alle privaten Goldkäufe ab sofort zu registrieren. Ab einer Summe von 200.000 Rupien (rund 2750 Euro) erfolgt überdies eine Meldung an das Finanzamt. Goldhändler und Juweliere müssen also alle Bargeschäfte unabhängig vom Kaufwert dokumentieren.

Derzeit geht die Angst um, dass die Regierung noch einen Schritt weitergeht. 1963 hatte Indien mit dem Gold Control Act den Goldbesitz für Einzelpersonen auf zwei Kilogramm und für Familien auf vier Kilogramm des Edelmetalls beschränkt. Finanzielle Repression erlaubt dem Staat alles und dem Einzelnen nichts.

3. Bargeld-Wertlosigkeit über Nacht

Als alle Welt gebannt auf die Auszählung der US-Präsidentschaftswahl schaute, verkündete der indische Premierminister die sofortige Wertlosigkeit aller Geldscheine über 100 Rupien (umgerechnet 1,4 Euro) und einen Bankenfeiertag für den 9. November. Die wertlosen Banknoten machen 86 Prozent der im Umlauf befindlichen Geldmenge aus. Nur 4000 Rupien und damit lächerliche 55 Euro konnten die Inder unmittelbar in neue Scheine tauschen. Der Rest muss über Bankkonten laufen. Pro Woche dürfen die Inder nunmehr nur 20.000 Rupien (275 Euro) von ihrem Bankkonto in Bar abheben.

Bis zum 30. Dezember 2016 können die Bürger nun Bargeld in alten Scheinen von bis 250.000 Rupien (rund 3433 Euro) auf Bankkonten einzahlen. Wer höhere Geldbeträge zur Bank trägt, wird der Steuerbehörde gemeldet. Handelt es sich um Schwarzgeld, so beansprucht der Staat 50 Prozent des Gesamtbetrages. 30 Prozent werden als Steuer fällig, zehn Prozent als Strafe und 33 Prozent des besteuerten Betrags soll für das Wohlergehen der Armen eingesetzt werden.

Der indische Premierminister forderte am Wochenende laut einem Bericht von „The Hindu“ die Jugend auf, zu „Soldaten des Wechsels“ zu werden. Sie sollen den Alten des Landes dabei helfen, sich in einer bargeldlosen Gesellschaft zurechtzufinden. Er spricht davon, dass sich das Land allmählich von einer weniger auf Bargeld basierenden Gesellschaft zu einer „cashless society“, also einer bargeldlosen Gesellschaft bewegen können.

Goldman Sachs lobt die indische Bargeld-Reform

Modi wird dabei immer wieder von Goldman Sachs hochgelobt. Im September 2014 traf sich der Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, mit dem indischen Regierungschef. Schon vor seiner Wahl wurde der marktwirtschaftliche Kurs Modis von der US-Großbank über den grünen Klee gelobt. Am 9. November 2016 zitierte die Nachrichtenagentur Bloomberg den Analysten von Goldman Sachs, Timothy Moe, mit höchst lobenden Worten für die „Bargeld-Reform“. Goldman Sachs sieht, dass das harte Vorgehen der Regierung gegen nicht registrierte Vermögen die Währung die Anleihen der Nation stützen werden. Dennoch präsentiert sich die indische Rupie derzeit schwach. Kostete ein Dollar am 8. November vor der Rede nur 66,6 Rupien, so müssen derzeit fast 69 Rupien aufgewendet werden. Wie sagte jemand einmal? „Sage mir, wer dich lobt, und ich sage dir, worin dein Fehler besteht“.

In den letzten Tagen regt sich zumindest Widerstand der Opposition. Kommt die Modi-Regierung mit den Maßnahmen durch, droht Indien zur Blaupause für den Rest der Welt zu werden. Der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, gab bereits mit seinem Buch „Der Fluch des Bargeldes“Ende August aus, dass die Regierungen aktiv auf das Auslaufen des Bargeldes hinarbeiten sollten.

Ohne Bargeld droht der gläserne Mensch

Der Kampf gegen den Terror, gegen Steuerhinterziehung und gegen Schwarzarbeit wird dabei immer wieder gern ins Feld geführt. Dabei bleiben die Briefkastenfirmen und Steueroasen in den USA, vor allem in Delaware, unberührt. In Wahrheit droht der gläserne Menschen im Geiste George Orwells. Eine Flucht vor Negativzinsen der Zentralbanken oder Bankpleiten wird den Konsumenten ebenso unmöglich gemacht. Sie werden in das Bankensystem gezwungen, ob sie wollen oder nicht. Eine schöne neue Welt.

Wer glaubt, dass sich der Weg in eine bargeldlose Gesellschaft langsam und geordnet vollziehen wird, sollte ein wachsames Auge auf Indien richten. An Warnungen fehlt es nicht, wohl an der notwendigen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit im Westen.

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