Mord und Totschlag und wieder ist ein Zeuge tot…

Wir gedenken Mehmet Kubaşık

Heute vor 10 Jahren, am 4. April 2006, wurde der Kioskbesitzer und Familienvater Mehmet Kubaşık in Dortmund vom NSU ermordet. Er wurde 39 Jahre alt und hinterließ eine Ehefrau und drei Kinder. Seine Tochter Gamze Kubaşık, die am 5. November 2013 als Nebenklägerin und Zeugin im NSU-Prozess in München angehört wurde, sagte: „Mein Vater war ein sehr guter Mensch, man mochte ihn einfach. Und das hab ich an ihm so geliebt.“ Wenn sie draußen gewesen seien, habe sie immer das Gefühl gehabt, dass fast ganz Dortmund ihn kennt. Die Jugendlichen hätten ihn besonders gemocht, er sei witzig gewesen und habe Späße gemacht.

Nach dem Mord folgten für die Familie bis zum Auffliegen des NSU 2011 – und damit der Anerkennung, dass die Morde tatsächlich in der rassistischen Ideologie der Täter begründet lagen – Jahre der Diskriminierungen, Verdächtigungen, Ausgrenzung und Überwachung durch die ermittelnde Polizei, durch Medien, Nachbar_innen und große Teile der Gesellschaft. Mehmet Kubaşıks Ehefrau Elif berichtete: „Mit seiner Ermordung sind alle unsere Träume zerbrochen. Wir hatten wie alle anderen Menschen ein ganz normales, liebenswürdiges Leben.“ Zwei Monate nach der Tat habe sie eine Demonstration veranstaltet, damit der Mörder gefasst werden. Sie hatten immer und immer wieder gesagt, dass sie der Meinung wären, dass die Täter rassistische oder neonazistische Motive hatten, ihnen wurde nicht geglaubt. „Uns wurde großes Unrecht angetan, dass wir mit Mafia zu tun hätten, mit Rauschgift, mit Frauengeschichten und dergleichen.“ Solche Gerüchte seien auch von unbeteiligten Menschen verbreitet worden. Elif Kubaşık und ihre Tochter hätten lange nicht nach draußen gehen können. Es sei mit Fingern auf sie gezeigt worden. Die Mutter ihres Mannes habe nach der Ermordung einen Herzinfarkt erlitten.

Der Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharmer erklärte vor dem OLG: „Auch jeder noch so absurde Ansatz […] wurde verfolgt. Die Hinweise der Familie, dass auch ein rechtsradikales Motiv in Betracht kommen könnte, wurden ignoriert. Die Familie wurde dadurch zum zweiten Mal zum Opfer. Die damals ermittelnden Polizeibeamten hatten bis heute keine dienstlichen Konsequenzen zu spüren.“ Vor dem Untersuchungsausschuss NRW fasste Gamze Kubaşık im Januar 2016 den Horror dieser Jahre zusammen: „Ich muss sagen: es ist ja schon schlimm, wenn man einen Vater verliert. Aber die, die haben uns unseren Stolz auch noch weggenommen. Wir haben Freunde und Bekannte, Menschen, die uns gemocht haben. Die meinen Vater gemocht haben. Die Polizei hat das alles kaputt gemacht.“

Mehmet Kubaşık ist das achte Opfer der rassistischen Mordserie des NSU.

Wir fordern weiterhin – mit den Familien und Angehörigen – die vollständige Aufklärung der Taten, des neonazistischen Unterstützungsumfeldes und die Aufklärung und Aufarbeitung des Institutionellen Rassismus und der Mitschuld der Behörden, insbesondere der Geheimdienste.

Aktivitäten zum Gedenktag:

In Dortmund hat sich in den letzten Jahre ein breites Bündnis aus migrantischen Selbstorganisationen, antirassistischen Initiativen und antifaschistischen und zivilgesellschaftlichen Gruppen gebildet, um den „Tag der Solidarität“ im Gedenken an die Opfer des NSU-Terrors zu organisieren.

Um 17.30 ist eine Demonstration und Kundgebung, die am Tatort in der Mallinckrodtstr. 190 in Dortmund beginnt und mit einer Kundgebung am Mahnmal für die Opfer des NSU am Hauptbahnhof endet.

Um 19:30 Uhr findet in der „Auslandsgesellschaft NRW e.V.“, Steinstraße 48, Dortmund, eine Podiumsdiskussion zum Thema „NSU und Rassismus“ statt.
https://tagdersolidaritaet.wordpress.com/veranstaltungen/

Foto Mehmet Kubaşık: (c) privat

Die Aussagen von Elif und Gamze Kubaşık sind hier nachzulesen:

http://nrw.nsu-watch.info/zeugenvernehmung-vom-13-januar-2…/

https://www.nsu-watch.info/…/protokoll-51-verhandlungstag-…/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*