Eine ins Metaphysische reichende Allianz

VON Jörn Schulz

Im ersten Teil unseres Lehrgangs haben Sie gelernt, dass Sie als angehender Rechtspopulist auf Fakten und eine logisch stringente Argumentation verzichten sollten. Das ist gar nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint. Wenn sie nicht wenigstens einen scheinbaren Realitätsbezug wahren, könnte selbst bei Ihrem Publikum so etwas wie Zweifel aufkommen. Mit „Flüchtlingsinvasion wird von Außerirdischen aus dem Aldebaran-System gesteuert“ beispielsweise kommen Sie nur bei ein paar esoterischen Zirkeln gut an. Machen Sie stattdessen lieber Angela Merkel verantwortlich, das tut schließlich auch Horst Seehofer, oder, wenn Sie besonders clever sein wollen, die Amerikaner – dann können Sie auch noch viele Linke ansprechen.

Sie haben die Wahl: Sie können sich zur Wirklichkeit verhalten wie ein Komet zur Erde, also den Kuipergürtel auch mal verlassen, der Erde aber immer wieder nahe kommen, ohne mit ihr zu kollidieren. Oder Sie können gänzlich frei im Universum des Wahns driften und beispielsweise behaupten, dass „die heutige Kanzlerin den letzten Willen des Führers, das Verschwinden der Deutschen, zwar nicht direkt exekutiert – das erledigen sie durch ihre Kinderwunscharmut allein –, aber immerhin kolossal beschleunigt“.

Im politischen Testament Hitlers vom 29. April 1945 steht nichts vom „Verschwinden der Deutschen“. Vielmehr heißt es: „Aus dem Opfer unserer Soldaten und aus meiner eigenen Verbundenheit mit ihnen bis in den Tod wird in der deutschen Geschichte so oder so einmal wieder der Samen aufgehen zur strahlenden Wiedergeburt der nationalsozialistischen Bewegung und damit zur Verwirklichung einer wahren Volksgemeinschaft.“

Aber es gibt einige kolportierte mündliche Aussagen Hitlers aus den Kriegsjahren: „Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden.“ Und: „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft.“

Das zweite Zitat wurde von Speer kolportiert, der schwerlich als zuverlässiger Zeuge gelten kann, das erste geht Sebastian Haffner zufolge auf Berichte ausländischer Diplomaten zurück, denen Hitler kaum sein Herz geöffnet haben dürfte, und sollte wohl eher als Ausdruck demonstrativer Entschlossenheit gelten. Die Sichtweise entspricht allerdings dem sozialdarwinistischen Denken Hitlers und der damals nicht nur unter Nazis populären Idee des „Völkerringens“. Aber wen interessieren geschichtswissenschaftliche Erörterungen? Von Bedeutung ist allein, dass Ihre Fans so etwas gerne hören. Der Grund für die Popularität dieser Zitate ist ja, dass sie trefflich den Mythos bedienen, die Deutschen seien die eigentlichen Opfer Hitlers gewesen.

Die Propehzeiung muss nun noch zu einer Willenserklärung umgedeutet werden. Der Untergang des „deutschen Volkes“ ist den Zitaten zufolge ja nicht das Ziel Hitlers, sondern wird von ihm als Strafe für Schwäche und Mangel an Opferbereitschaft vorhergesagt. Und heute? „Wo schwindende Völkerschaften Räume frei machen, drängen fruchtbare nach; es wird faszinierend sein zu beobachten, wie unsere Schwulen, Lesben und Feministinnen zum Selbstbehauptungskampf gegen die muslimischen Machos antreten“, schrieb Klonovsky 2010.

Von der „Verwirklichung einer wahren Volksgemeinschaft“ zu schwadronieren, überlassen Sie aber besser den niederen Chargen auf Facebook. Im Geiste Ihrer Fans wächst schon zusammen, was zusammen gehört. Als erfolgsorientierter postnazistischer Rechtspopulist müssen Sie Hitler natürlich böse finden. Die Nazis, das sind jetzt nämlich die Linken, also alle, die nicht so rechts sind wie Sie. Die Merkel allemal: „Der eine ruinierte Deutschland durch eine außer Rand und Band geratene Inhumanität, die andere ist dabei, Deutschland durch eine außer Rand und Band geratende Humanität zu ruinieren.“

Sie finden, dieser Klonovsky trägt etwas arg dick auf? Nun, er ist weiterhin Redakteur beim Focus, aber obwohl diesem Magazin sonst so gut wie nichts peinlich ist, musste er diesen Text bei eigentümlich frei unterbringen. Dort gibt es übrigens einen Jungautorenwettbewerb, gefragt ist unter anderem „ein einzelner Aspekt wie zum Beispiel privater Waffenbesitz oder ein einzelnes Gebiet wie Grenzsicherung“. Man kann natürlich auch beides zusammenbringen, und Beate Zschäpe zählt nicht mehr zu den Jungautorinnen. Eine gute Chance für Sie, wenn Sie bei diesem Lehrgang eifrig lernen!

Wenn Sie beim ersten Teil gut aufgepasst haben, fragen Sie sich vermutlich: Und was ist nun mit Gender? Nun, gleich zu Anfang ist von der „Geschlechtslosigkeit“ Hitlers und Merkels die Rede. Klonovsky würde so etwas nie vergessen. Je irrwitziger Ihre Behauptung, desto größer ist übrigens die Notwendigkeit, sie mit einer weiteren unsinnigen, aber eben deshalb auch unwiderlegbaren Behauptung jeder logischen Beweisführung zu entziehen. Das sollte möglichst geistreich klingen, gerade weil es gaga ist. Schreiben Sie also, es gebe eine „ins Metaphysische reichende Allianz“ zwischen Hitler und Merkel. Eine „ins Metaphysische reichende Allianz“ gibt es ohne Zweifel zwischen Lady Gaga und David Bowie, natürlich auch zwischen Daenerys Targaryen und John Snow (selbst wenn er wirklich tot bleiben sollte, die Metaphysik stört so etwas nicht), das ist offensichtlich. Nur den tiefsinnigsten und dialektisch geschulten Denkern hingegen erschließt sich, dass es auch eine zwischen Dagobert Duck und Gundel Gaukeley gibt. Aber ein so hohes philosophisches Niveau überfordert Ihre Leser. Also zurück zum Geschäft.

Sie denken jetzt vielleicht: „Es fällt doch auf, dass ich haarsträubenden Unsinn schreibe. So blöd sind die Rechten ja auch wieder nicht.“ Nicht alle, gewiss. Aber Ihr Publikum zeichnet sich ja vor allem durch Glaubensbereitschaft aus. Es glaubt Ihnen, weil es Ihnen glauben will, selbst dann, wenn es nicht wirklich glaubt, was es glaubt. Denken Sie daran, dass der Anlass für die Gründung von Pegida eine von kurdischen Gruppen organisierte antiislamistische Demonstration war. Natürlich waren die Pegida-Gründer nicht so blöd, das nicht zu bemerken. Aber sie glauben, dass der Nichtarier an sich eine Bedrohung ist und, wenn er nun schon mal da ist, auf keinen Fall etwas auf der Straße zu suchen hat oder gar Forderungen vorbringen darf. Also legen sie sich eine bequeme Rechtfertigung für ihren Hass zurecht, an die sie dann glauben. Wirklich glauben. Dieses Glaubensbefürfnis müssen Sie bedienen. Selbst wenn einer merkt, dass Sie haarsträubenden Unsinn schreiben, wird er nicht petzen, weil das ja den Gutmenschen nützen würde.

Schreiben Sie also getrost: „Ein Wort hat sich schneller durchgesetzt als alles, was je zu Propagandazwecken ersonnen wurde: ‚Flüchtlinge’.“ Warum? Die Linken waren’s. „Deutschlands Linke waren lange Zeit darin führend, Wörter und Begriffe in Umlauf zu bringen, die einen Sachverhalt genial verzerrten oder listig auf den Kopf stellten. (…) ’Nachrüstung’ war eine ähnlich wirkungsmächtige Umtopfung von Tatsachen. Die westdeutschen Kommunisten und ihre Vorfeldorganisationen, Teile der SPD, der Gewerkschaften, der Kirchen und der Kulturmilieus benutzen dieses Wort, wenn es um den Nato-Doppelbeschluss von 1979 ging. Wer genau das Copyright daran besitzt, ist leider nicht bekannt. Aber es entstand sicherlich im Dunstkreis der ‚Friedensbewegung’.“

Im wirklichen Leben war es Franz Josef Strauß, der in einer Bundestagsdebatte am 11. Dezember 1979 fragte: „Warum dann seit Wochen dieser Schleiertanz um die Nachrüstung der Nato auf europäischem Boden?“ Hans Dietrich Genscher antwortete: „Ich mache zu meinem Bedauern die Beobachtung, daß eine bemerkenswerte Übereinstimmung in zwei verschiedenen Lagern in der Bewertung der vorstehenden Entscheidungen vorhanden ist, nämlich in der Überbetonung der Nachrüstung. Die einen sehen nur die Komponente der Nachrüstung, weil sie sie ablehnen, während die anderen die Komponente der Nachrüstung betonen, weil sie sie bejahen. In Wahrheit muß der Doppelcharakter dieser Entscheidung gesehen und betont werden. Es geht darum, im Bereich der Nachrüstung die durch Vorrüstung entstandenen Gefährdungen und Belastungen für das Gleichgewicht abzubauen. Wir sind der Meinung, daß die in diesem Beschluß liegende Doppelstrategie die konsequente Anwendung der Grundsätze des Harmel-Berichts ist: Verbindung zwischen Verteidigungsfähigkeit und Verhandlungsbereitschaft.“

Der Außenminister stellte die offizielle Linie dar. Man sprach von einem Nato-Doppelbeschluss, weil betont werden sollte, dass die neuen Raketen nur aufgestellt würden, wenn Verhandlungen mit der Sowjetunion scheiterten. Sehr schnell setzte sich aber im Establishment und in den meisten Medien die griffigere „Nachrüstung“ durch. Nachrüstung deshalb, weil die UdSSR angeblich vorgerüstet hatte, es also einen Rückstand aufzuholen galt. Eben diesen Rückstand bestritt die Friedensbewegung, die die Nato als militärisch überlegen oder zumindest mit der Sowjetunion gleichauf sah oder den „Rüstungswettlauf“ generell kritisierte.

Sie erinnern sich: Fakten müssen Sie nicht bekümmern. Aber Sie müssen nun die Umkehrung irgendwie begründen: „In ‚Nachrüstung’ schwang so etwas wie Nach-Tarocken oder Nach-Treten mit. Das Wort suggerierte, der imperialistische Westen wollte dreist noch einen drauf legen, rüstungstechnisch.“ Seien wir ehrlich: Das ist selbst für rechtspopulistische Verhältnisse ein wenig dürftig und reicht höchstens für die Achse des Guten, aber nicht mal für den Focus. Wenn Sie dreist noch einen drauflegen, sollte es entweder so schrill sein wie bei Klonovsky, damit sich jede rationale Debatte erübrigt, oder einen wenigstens scheinbaren Realitätsbezug aufweisen.

Basteln wir uns also eine rechtspopulistische Alarmmeldung, die nicht zu 100 Prozent frei erfunden ist: „EU gesteht: 60 Prozent der Einwanderer sind keine Flüchtlinge.“ Unser Zeuge: „Der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, sagte in einem Interview mit dem niederländischen Nos am Montag: ‚Mehr als die Hälfte der Menschen, die nun in Europa ankommen, kommen aus Ländern, von denen man annehmen kann, dass sie keinen Grund zu Beantragung eines Flüchtlings-Status geben. Mehr als die Hälfte, 60 Prozent.’“

Das Interview gibt es wirklich. Jetzt müssen Sie nur noch aus Timmermans „die EU“ machen („Die Tatsache, dass die EU diese Zahlen nun veröffentlicht“) und dessen zweifelhafte Aussage zu deren Geständnis erklären. Das war doch wirklich nicht schwer, oder? Natürlich müssen Sie, wie im ersten Teil dargelegt, die Fakten ignorieren. Timmermans berief sich auf einen angeblichen unveröffentlichten Frontex-Bericht. „However, recent figures provided by both the EU’s border agency, Frontex, and the UN agency for refugees (UNHCR) paint a much more nuanced picture. Frontex chief Fabrice Leggeri told this website on Wednesday (28 January) that ‚the trend is that there are fewer Syrian nationals’. But the Warsaw-based agency notes that while the number of Syrians may have declined, the share of Iraqi monthly arrivals in Greece ‚increased over the last quarter to 25 percent in December, more than double the 11 percent in October and 12 percent in November’. It also states that the average share of Afghans is between one quarter and one third of the total number of detected migrants at the border. (…) In other words, almost 90 percent the people who arrived by sea in the EU in December came from countries gripped by war or emerged from a wider regional conflict.“

Nun schreiben Sie: „Die EU wäre demnach verpflichtet, diese 60 Prozent an den Außengrenzen abzuweisen.“ Das ist zwar auch dann falsch, wenn Timmermanns Zahlenangabe richtig wäre, denn das internationale Recht verpflichtet zur Einzelfallprüfung. Aber das will jetzt auch die Nato ignorieren, da müssen Sie also wirklich keine Hemmungen haben. Nun können Sie sich zurücklehnen und befriedigt zuschauen, wie andere Glaubensstreiter ihre Alarmmeldung verbreiten, in anderen Zeitungen, bei Facebook und in Leserbriefen.

 

Quelle: http://jungle-world.com

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